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Dieser Artikel erschien zuerst in unserem Kundenmagazin nah klar.

Weitblick Biederitz

Rund 120 Stellwerke lenken den Bahnverkehr in Sachsen-Anhalt. Ein wichtiger Knotenpunkt steht in Biederitz bei Magdeburg: Das Drehkreuz passieren täglich bis zu 300 Züge – gesteuert von Bahnprofis mit alter Technik aus DDR-Zeiten und modernen digitalen Systemen. Ein Ortsbesuch mit Aussicht.

„94-4-91 bleibt bei dir“,

… ruft Alexander Teetzen-Marks in den Hörer. Schnelle Absprache mit dem benachbarten Stellwerk wenige Kilometer weiter. Solange er denken kann, ist der 21-Jährige mit der sorgsam gelegten Frisur und der dunkelblauen Kluft Bahnfan. Jetzt übt er seinen Traumberuf aus: Fahrdienstleiter.

Fast 20 Meter über den Gleisen von Biederitz sitzt er im Hochstellwerk, Modell „Pilz“, an einem grünen Stellpult aus den 1980er Jahren. 21 Signale, drei Bahnübergänge und 27 Weichen kann er von dort mit Relais elektrisch schalten und Fahrstraßen für die Züge festlegen. Wenn die Fenster offen stehen, hört er das Brummen der Elektromotoren und das Anschlagen der Stahlzungen.

es ist ein Geräusch, das Verbindungen schafft: 250 bis 300 Züge passieren täglich den Kreuzungsbahnhof Biederitz. Sie fahren von Braunschweig bis Burg oder Genthin, nach Potsdam, Berlin und Frankfurt/Oder oder von Magdeburg über Dessau bis Leipzig. Und dazwischen donnern internationale Güterzüge vorbei. „Hier geht alles durch“, sagt Alexander Teetzen-Marks. Kein Wunder: Die nächsten Elbquerungen der Eisenbahn liegen zig Kilometer entfernt in Wittenberg und in Hämerten bei Stendal.

Auf der fünf Meter breiten Stelltafel blinken rote, gelbe und grüne Lichter, sie zeigen den rollenden Verkehr in Echtzeit an. Sobald eine Art Weckerklingeln in der Schaltzentrale ertönt, ist die Strecke für den Verkehr frei. Auf digitalen Monitoren kündigen Zahlenkolonnen ständig neue Züge an. Teetzen-Marks hat alles im Blick. Und wenn er gerade nichts anderes zu besprechen oder einzustellen hat, kontrolliert er durch die breite Fensterfront die vorbeirollenden Züge. Immer wieder telefoniert Teetzen-Marks dabei mit Kolleginnen und Kollegen auf benachbarten Stellwerken und Bahnübergängen, mit Lokführern und Disponenten. „Kommunikation ist alles – man muss viel, viel reden“, sagt der Weichensteller. Und er liebt es.

Tradition trifft Moderne: Im Stellwerk Biederitz arbeiten digitale Displays und klassische Festnetztelefone Seite an Seite.

Der Traum begann mit drei Jahren

Mit drei Jahren, erzählt er, habe er neben seiner Mutter vor einem Stellwerk gestanden, der Fahrdienstleiter habe ihn hereingewinkt und ihm alles gezeigt. Seither ist es um den Jungen aus Wolmirstedt geschehen: Seine Schülerpraktika absolvierte er schon auf Bahnhöfen, nach dem Realschulabschluss machte er die zwei­einhalb­jährige Ausbildung zum Eisen­bahner im Betriebs­dienst, Fach­richtung Fahr­weg. Er wurde in Leipzig und in Trainings­zentren deutschland­weit geschult und bekam schließlich Vor-Ort-Ein­weisungen in Biederitz, Wiesen­burg, Gommern und Magdeburg-Rothensee.

Heute ist er einer der jüngsten Fahrdienst­leiter Deutschlands und wird als Springer an den vier Stand­orten eingesetzt. Als das benachbarte, fern­gesteuerte Stell­werk Gerwisch im September vorigen Jahres ausbrannte, übernahmen die Fahr­dienst­leiter in Biederitz dessen Aufgaben sofort mit.  

Seither mussten ständig die Kollegen informiert werden, die die Schranken händisch bedient haben, wenn sich ein Zug näherte. Auch mit den Kollegen für Möser musste immer telefoniert werden. Mittlerweile ist das Dilemma provisorisch behoben: Biederitz ist nun mit dem Stellwerk in Möser verbunden, bis der geplante Neubau steht.

„Mich reizt es, die vielen Züge zu koordinieren, Entscheidungen zu treffen – und dazu die ständige Abwechslung“, sagt der leidenschaftliche Eisenbahner. „Manchmal bin ich fast traurig, wenn die Ablösung kommt.“ Für seinen Lieblingsjob hat er aktenweise Richtlinien, Vorschriften und Fachbegriffe im Kopf, sein Wissen wird regelmäßig von seinem Vorgesetzten überprüft. Angst bereitet dem jungen Fahrdienstleiter die große Verantwortung nicht – wohl aber eine große Portion Respekt. In einigen Jahren kann er sich vorstellen, auch in die Ausbildung des Nachwuchses einzusteigen oder bei einer Umrüstung auf digitale, elektronische Stellwerke – genannt ESTW – mitzuhelfen.

Sicherheit bleibt oberstes Gebot

An Deutschlands Bahnstrecken versehen heute mehrere Generationen von Stellwerken ihren Dienst. Einige funktionieren noch mechanisch, die Hebel der Weichen müssen per Hand umgelegt werden, während die neueste Generation per Mausklick gesteuert wird. Solche modernen elektronischen Stellwerke decken große Bereiche von bis zu 150 Kilometern Gleisen zentral ab, sie steuern Hunderte Weichen und Signale. Das Gleisbildstellwerk Biederitz dagegen stammt von 1983.

Automatische Sicherungssysteme sorgen aber auch hier dafür, dass keine zwei Züge in einen Abschnitt einfahren und kollidieren können, erklärt der Leiter des Betriebsbezirks, René Grabowski. „Für die Sicherheit im Bahnsystem wird schon seit dem 19. Jahrhundert mit verschiedenen technischen Systemen gesorgt“, betont der 34-Jährige, der sieben Stellwerke in der Region Magdeburg betreut. Die Technik nehme den Menschen vieles ab. „Sonst könnten wir gar nicht mit so hohen Zugzahlen fahren.“ Dennoch bleibt Sicherheit oberstes Gebot. 

Fahrdienstleiter, das bedeutet auch: Drei-Schicht-Dienste im ganzen Jahr. Die Stellwerke sind rund um die Uhr besetzt, 365 Tage im Jahr. Neun Kolleginnen und Kollegen teilen sich derzeit den Dienstplan für Biederitz. Ein einsamer Job ist es trotzdem: Sie sehen sich nur bei den Übergaben, ansonsten verbringen sie den Dienst allein. An den Wochenenden zwölf Stunden am Stück. So hat Alexander Teetzen-Marks auch seinen Neujahrsmorgen allein im Stellwerk verbracht. Ihn stört das nicht. „Ich wollte ja immer Fahrdienstleiter sein – und werde wohl mein Leben lang bei der Bahn bleiben“, sagt er mit einem gelassenen Achselzucken. Dann dreht er sich um. Das Telefon klingelt.

Zukunft Schiene

Um die Bahninfrastruktur weiter zu modernisieren, haben das Land und die Deutsche Bahn den Pakt „Zukunft Schiene Sachsen-Anhalt“ beschlossen. Ziel der Initiative ist, das Angebot im Nahverkehr in enger Anbindung an den Fernverkehr weiter auszubauen. Schwerpunkte sind unter anderem der Ersatz des Dieselbetriebs im Nahverkehr durch den Bau von Oberleitungen und Ladeanlagen sowie weitere regionale Maßnahmen wie der Ausbau der Salzlandbahn, der Bau der Kurve Calbe sowie der zweigleisige Ausbau des Abschnitts Uchtspringe–Nahrstedt. Da diese Projekte eine leistungsfähige, digitalisierte Leit- und Sicherungstechnik voraussetzen, will die DB in ihrem Infrastrukturprogramm „S3“ störanfällige und personalintensive Stellwerke ersetzen, um die Zugkapazitäten zu erhöhen, Störungen abzubauen und eine stabile Besetzung zu ermöglichen. Dazu entstehen auf verschiedenen Strecken elektronische Stellwerke (ESTW), die alte, oft noch mechanische Stellwerke ersetzen, darunter auf dem stark befahrenen Korridor Halle (Saale) – Kassel.

Wir begleiten einen Fahrdienstleiter in seinem Traumberuf, erleben „Geiles Theater“ und den Frühling zwischen Blüten und Mythen und fahren mit der HANSeatischen Eisenbahn Bus.  Sei dabei und hol dir unser Kundenmagazin nah klar jetzt in den Zügen, Bussen im mein-Takt-Netz und auf eurem Bahnhof.

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