Zu den Hauptinhalten springen
Icon ZugIcon S-BahnIcon PlusBus
Symbol Auge

Seit August rollen im Landkreis Mansfeld-Südharz sieben kleine Elektrobusse - per App, auf Abruf und bis in entlegene Dörfer. Und die ersten Wochen zeigen: Das neue On-Demand-Angebot kommt gut an - ganz ohne Fahrpläne.

Die sieben Zwerge

Annett F. muss um acht Uhr auf der Arbeit im Kolping-Berufsbildungswerk in Hettstedt sein – bisher war das ein allmorgendlicher Staatsakt für die Frau mit der starken Sehbehinderung, die selbst in Hettstedt lebt: Schon um 6.45 Uhr stand die heute 55-Jährige an der Bushaltestelle, wartete beim Umstieg 20 Minuten am Busbahnhof auf Anschluss und kam nach gut einer Stunde ans Ziel. Jetzt nutzt sie täglich einen On-Demand-Bus, den sie per App auf ihrem Smartphone bucht – und ist viel schneller an ihrem Arbeitsplatz: „Meist in sechs bis sieben Minuten“, erzählt sie. „Und ich werde fast bis vor die Tür gefahren.“

Mobil wie nie zuvor - Mopla-App laden und losdüsen.

Ein Glücksfall für die Frau, und ein Beispiel für einen neuen Mehrwert im Nahverkehr Sachsen-Anhalts: Durch die Städte und Dörfer des Landes rollen immer öfter On-Demand-Busse, um das reguläre Liniennetz zu ergänzen. Auch in der Region Mansfeld-Südharz ist Anfang August eine Flotte von sieben kleinen Elektrobussen gestartet, die liebevoll die „sieben Zwerge“ genannt werden. Mit schwarzen Ledersitzen für bis zu sieben Fahrgäste rollen sie selbst in kleinste Orte von Ulzigerode über
Mönchpfiffel bis Gerbstedt – werktags von 5 bis 21 Uhr, sonn- und feiertags von 9 bis 18 Uhr. Auf der Heckscheibe der weißen Elektroflitzer steht der Slogan: „Mobil wie nie zuvor. MSH mobil“. Ein QR-Code ruft dabei zum Mitfahren auf: „Mopla-App laden und losdüsen.“ Wenn in der Mopla-App für einen benötigten Zeitraum kein passender Linienbus angezeigt wird, kann sich der Kunde für die gewünschte Route einen der „sieben Zwerge“ buchen. Eine Stunde Vorlauf genügt.

“Das ist ein richtig schönes Projekt.” 
-Emily Thomas

Stopp an neuen Haltepunkten

Die Bedarfsbusse fahren dabei nicht nur die 940 klassischen Haltestellen des Landkreises an, sondern schon rund 120 virtuelle Haltepunkte besonders in Wohngebieten, die bisher keinen direkten Anschluss hatten. Sie erscheinen auf der Karte in der App. So können sich Fahrer und Fahrgast an der sprichwörtlich nächsten „Milchkanne“ treffen. Und es sollen mehr solcher Punkte hinzukommen. Auch die Ziele der Bestellbusse können dabei individueller vereinbart werden, sodass neue Routen ohne Umsteigen entstehen. Gibt es Fahrgäste mit ähnlichen Fahrtwünschen zu ähnlichen Zeiten, werden sie zusammen befördert. So können selbst entlegene Orte besser an die großen PlusBus-Linien, die regulären Bus-Verbindungen im ländlichen Raum und die Bahnhöfe angebunden werden.

Das weiß auch Emily Thomas aus Rotha zu schätzen. Sie beginnt jeden Morgen um 8 Uhr ihren Arbeitstag bei der Firma SynFlow in Sangerhausen, wo sie seit August zur Kauffrau für Büromanagement ausgebildet wird. Früher war das schwieriger – die Linienbusse, die dort verkehrten, kamen entweder viel zu früh oder zu spät an. Nun bucht die 20-Jährige allmorgendlich über die App einen On-Demand-Bus, der sie an der Haltestelle in Rotha abholt. In einer guten halben Stunde bringt er sie nach Sangerhausen oder zur Berufsschule nach Eisleben. 

“Fahrpläne mit festen Orten und festen Zeiten sind nicht mehr zeitgemäß.” 
-VGS-Geschäftsführerin Gabriele Schuchardt

„Das ist ein richtig schönes Projekt“, sagt Emily Thomas. Nur manchmal führe die künstliche Intelligenz den Bus noch über seltsame Umwege, findet sie. Allerdings steigen unterwegs auch immer mehr Leute zu. „Fahrpläne mit festen Zeiten und festen Orten allein sind nicht mehr zeitgemäß“, sagt Gabriele Schuchardt, die Geschäftsführerin der Verkehrsgesellschaft Südharz (VGS). Sie zieht zwei Monate nach dem Start eine erste positive Bilanz. Fast 2.000 Fahrgäste seien schon auf rund 1.700 Fahrten befördert worden, sie hätten im Durchschnitt 11,65 Kilometer zurückgelegt. Damit ist die Bilanz der Bestellbusse jetzt schon besser als die der bisherigen Linienbusse. Die Rückmeldungen seien überwiegend positiv. Nur ein paar Mal gab es bisher Kritik oder kritische Nachfragen, die größtenteils ausgeräumt werden konnten. „Wer es probiert, kommt wieder“, sagt Schuchardt.

“Ich werde fast bis vor die Tür gefahren.” 
-Annett F.

Mehr Fahrgäste, weniger Kosten

Der Grundpreis liegt werktags je nach Ermäßigungen, Zeitkarten und Deutschlandticket zwischen 50 Cent und drei Euro. Der Kilometerpreis beträgt 10 bis 40 Cent – Luftlinie! Eine Tour von zehn Kilometern kostet im besten Fall 1,50 Euro, im teuersten Fall ohne Nachlässe 7 Euro. Bezahlt wird digital in der App, auch kostenfreie Stornierungen sind bis eine Stunde vorm Start möglich. Den Vorwurf, dass der On-Demand-Verkehr bestehende Linien ausdünne, entkräftet die Verkehrsgesellschaft. „Keine Linie wird gestrichen“, betont Schuchardt. „Aber es fahren weniger leere Busse durch die Gegend.“ Nur Fahrten mit sehr wenig Nachfrage würden aus dem Fahrplan gestrichen. Denn wenn keine Fahrgäste mehr an der Haltestelle stehen, müsse das kommunale Unternehmen reagieren.

Günstige Preise, digitale Zahlung per App.

Tatsächlich werden seit dem Start mit weniger Aufwand mehr Fahrgäste befördert. Dem Landrat des Kreises Mansfeld-Südharz André Schröder (CDU) machen die ersten Wochen deshalb Mut. Denn große teure Gefährte, in denen mit steigenden Kosten vorwiegend Luft befördert werde, könnten mit On-Demand-Angeboten zum Auslaufmodell werden. „Diese neue Mobilität gibt es nur, wenn sie auch gebraucht wird“, sagt er. „Die Bedürfnisse sind individueller geworden.“ Der Landrat will mit dem neuen Angebot vor allem einen weiteren Anstieg der Kosten für den Nahverkehr vermeiden. Seit seinem Amtsantritt vor vier Jahren haben sich die Zuschüsse des Kreises auf knapp zehn Millionen Euro verdoppelt – vor allem für höhere Spritund Personalausgaben sowie teurere Fahrzeuge. Für André Schröder ist klar: „Eine schuldenfinanzierte Leerfahrt hat nichts mit dem Anspruch auf Daseinsvorsorge zu tun.“

Kurse an der Volkshochschule

Der Landkreis erhält jetzt rund 400.000 Euro von der Bundesregierung aus einem Förderprogramm zur Digitalisierung kommunaler Verkehrssysteme. Wenn sich „MSH Mobil“ rechnet – und danach sieht es derzeit aus – will der Landkreis den Service auch zukünftig allein fortsetzen. Die Einbindung in die Fahrplanauskunft INSA soll dabei noch verbessert werden. Nur ein telefonischer Bestellservice sei nicht vorgesehen, weil er das Angebot langsamer und teurer machen würde, so Schröder. 

Kostenlose Schulungen 
in allen Gemeinden

Für Seniorinnen und Senioren, die weniger geübt sind mit Smartphones und Apps, bietet die Kreisvolkshochschule Mansfeld-Südharz daher kostenlose Schulungen in allen Gemeinden an. In Kooperation mit der VGS wird den Teilnehmenden leicht verständlich erklärt, wie sie die App einrichten und Fahrten buchen können. Und die Nachfrage ist groß: Mehr als 100 Menschen haben schon in den ersten acht Wochen an den Kursen teilgenommen. Tendenz steigend.

Mehr Bewegung im Landkreis Mansfeld-Südharz. Die neue INSA-App ist auf dem Weg, und ab dem 14. Dezember gilt ein frischer Fahrplan. Was genau sich ändert? Das lest ihr hier – in der 3. Ausgabe 2025.

Oder digital in unserer Mediathek.